Auszug der Freien Presse vom Dienstag, 5.Januar 1999

Ohne dicke Taue keine Pyramide

Kirchberger Unternehmen pflegt altes Handwerk - 150 Erzeugnisse vom Seil bis zur Zurrkette im Angebot

Eines der ältesten Gewerbe der Welt wird noch heute am Kirchberger Jungfernsteig betrieben. Die Seilerei. “Ohne unser Handwerk hätten die ägyptischen Pyramiden niemals errichtet werden können”, betont Seilermeister Gottfried Rehm. Denn der Transport von Lasten ist ohne Seile und Taue fast undenkbar. Das ist bis heute so geblieben.

Trotzdem unterliegt auch dieses Handwerk ständigen Veränderungen, so Rehm. Doch neue Techniken und Werkstoffe haben das Traditionsunternehmen zu keiner Zeit in Bedrängnis bringen können. Bis zum Jahre 1663 kann die Unternehmensgeschichte zurückverfolgt werden. Damals war der Firmensitz noch in Schneeberg. Inzwischen wird der Familienbetrieb in der neunten Generation betrieben.

Die letzten größeren Angebotsumstellungen hatte Rehm mit der Wende zu meistern.War die kleine Werkstatt während der DDR-Zeit in die Planwirtschaft eingebunden brachen 1990 viele Kunden - darunter große Kombinate - weg. Und auch der technische Stand der Firma war kaum noch konkurrenzfähig. Nur seine handwerklichen Fingerfertigkeiten konnten den Maschinenbauingenieur keiner nehmen. Also besann sich Gottfried Rehm auf die Tradition und war gleichzeitig offen für neues Material. Waren früher Hanf- oder Stahlseile besonders gefragt, kommen heute immer mehr synthetische Gewebe zum Einsatz. Diese sind langlebiger, wiederstandsfähiger und flexibler. Wo früher dicke Stahlseile benötigt wurden, kommen heute praktische Textilgurte zum Einsatz.

Inzwischen umfaßt die Angebotspalatte rund 150 Produkte von Abdecknetzen bis Zurrketten. “Natürlich sind wir für fast alle Sonderwünsche offen”, betont der Seiler. Und seiner Frau Annelie, die ebenfalls im Familienbetrieb mitarbeitet, fällt auch gleich ein Beispiel ein: So kamen kürzlich Kunden, die dekorative Seile für eine Babyhängewiege wollten. In diesem Fall hat der Sohn Marko den Wunsch erfüllt. Der Junior, Jahrgang 1973 wird einmal den Familienbetrieb übernehmen, erzählt Gottfried Rehm stolz. Gegenwärtig steckt Marko gerade in den Prüfungen zum Meister.

Stundenlang könnten die Seiler Anektoden aus der Firmengeschichte erzählen. “Aber wer will denn das lesen”, fragt Gottfried Rehm. Vor wenigen Jahren hat beispielsweise einmal der Bayerische Rundfunk angerufen, um für eine historische Reportage alte Naturfaserseile zu bestellen. Nach kurzer Suche im Lager konnte auch den Münchner Fernsehmachern geholfen werden.

Zu den regelmäßigen Kunden gehören inzwischen Architekten, die zur Gestaltung von Gebäuden und Spielplätzen dekorative Edelstahl- oder Kokosseile ordern. Die Bundeswehr läßt die Schleppseile ihrer Bergepanzer in der Borbergstadt reparieren. Große Airlines bestellen über Zwischenhändler Packgurte für den Luftfrachttransport. Und nicht zuletzt die Chemnitzer Verlag und Druck GmbH verschnürt die “Freie Presse” vor dem Vertrieb mit Bindfäden aus Kirchberg zu Packeten, unterstreicht Rehm. Steinsägen, Strickleitern, Fischnetze und Seile für die Theaterbühnen runden das Angebot ab. Trotzdem bilden auch heute noch die Industriebetriebe den Hauptkundenstamm.  ...